Krempelt die KI alles um?

Ist die KI schon ein neues Teammitglied? Werden Softwareentwicklerinnen und Softwareentwickler bald überflüssig? Warum dürfen bei der BRANDAD Auszubildende ein innovatives Tool wie die KI erstmal gar nicht verwenden? Und wer weiß am Ende denn eigentlich noch, wofür das IF im Code steht?
„KI ist ein Buzzword, zu dem jeder schnell eine
Meinung hat – aber das Wissen darüber ist
oft sehr oberflächlich, die Einschätzung ihrer
Fähigkeiten nicht realistisch.“
Torsten Pistor
Seit es nach den Weihnachtsferien 2022/23 im Unternehmen aufgeschlagen ist, bleibt KI-gestützte Softwareentwicklung bei der BRANDAD ein ganz großes Thema, und die Ansichten im Haus gehen nach wie vor auseinander – „von um Gottes Willen, das Ding macht ja was es will, Vibe-Coding geht gar nicht, bis hin zu Early Adoptern, die Testprojekte aufsetzen und versuchen alles aus der KI rauszuholen – aber trotzdem einen Code zu generieren, der wartbar ist, den man guten Gewissens einchecken kann“.
Für Torsten „gibt es da kein Schwarz und Weiß, kein das machen wir nicht, aber auch kein die KI macht das alles für uns und wir können uns zurücklehnen“. Codeerstellung mit KI, davon ist er überzeugt, brauche Training, und vor allem sollte man die Kontrolle behalten. „Nicht die KI fährt mit dir durch die Gegend, sondern du mit der KI“ oder, und hier greift er eine Formulierung von Prof. Dr. Sigurd Schacht auf, „bei der Nutzung von KI kommt es darauf an, im Fahrersitz zu bleiben“.
„Nicht die KI fährt mit dir
durch die Gegend, sondern
du mit der KI“.
Torsten Pistor
Selbstverständlich aber testet man in einem innovativen Unternehmen wie der BRANDAD die Grenzen und Möglichkeiten aus. Aktuell wird an einem Neuprodukt gearbeitet, „wo der Tool-Umfang vollumfänglich ausgenutzt wird“. Bei Kundenprojekten sei man meist auf vielgenutzte Standardprodukte angewiesen, die vom jeweiligen Auftraggeber „freigegeben, aber in ihren Skills – vorsichtig ausgedrückt – etwas eingeschränkt sind. Da öffnen sich mit Claude Code oder mit Codex schon ganz andere Welten, das sind echte Hausnummern“, so Torsten.
KI – Nur ein tolles Tool oder schon Teil des Teams?
Stand jetzt ist KI für Torsten bei der BRANDAD aber kein Teammitglied. Sie ist „ein wichtiges Tool, ein sehr helles Tool, sie übernimmt auch Aufgaben, die über ein Tooling hinausgehen – ein Contributer, könnte man sagen“. Von einer „Vermenschlichung“ würde er aber definitiv absehen. Das liegt auch daran – und darauf legt er großen Wert – „dass wir sehr hohe Ansprüche an unsere Teams haben“. Man könne sie schließlich als funktionierende Einheiten buchen, um seinen Softwareprojekten neuen Schwung zu verleihen. Da spielen „stark menschliche Aspekte wie Empathie und Präsenz doch eine zu tragende Rolle“. Þ mehr über Teams as a Service
Für Torsten lautet die Frage eher, „ist das, was die KI contributen kann, vergleichbar mit der Arbeitsleistung eines Menschen?“ Und das ist für ihn stark vom Kontext abhängig. Im aktuellen Alltagsgeschäft gibt es hier noch viele Grenzen. Bei dem Neuprodukt dagegen, das bei der BRANDAD aktuell entwickelt wird, „hat man ja alle Freiheiten. Da können unsere Entwicklerinnen und Entwickler testen und mal ein bisschen mehr machen.“ Und holt man das Maximale raus, dann findet Torsten durchaus, dass sich die Arbeitsleistung der KI im Softwarebereich in eine Richtung bewegt, die mit der eines Menschen vergleichbar ist.
Also werden Softwareentwicklerinnen und Softwareentwickler doch überflüssig? So einfach ist es nicht. „Wenn du heute für ein Produkt verantwortlich bist und mit Softwareentwicklern zusammenarbeitest, willst du auch, dass Sachen gereviewt werden“, so der COO von BRANDAD. „Wir haben unsere Qualitätssicherungs-Mechanismen und würden auch nicht kritiklos von Menschen gemachten Code auf die Codebase einchecken. Das gilt erst recht, wenn der Code von einer KI generiert wurde.“ Ein entscheidender Unterschied liege dann im Wissen über das Programmierte. Eine Entwicklerin oder einen Entwickler könne man zu jeder Textzeile befragen – „und der weiß dann auch, warum da ein IF steht“. Dennoch sei es für die Produktivität unvermeidbar, auch auf eine andere Abstraktionsebene zu gehen. „Dann müssen wir sagen, okay, das lassen wir die KI erstellen – aber wir wissen, wie der Code aufgebaut ist. Und wenn es irgendwo ein Problem gibt, gehen wir da rein. Es ist dann nicht mehr ein ich sage es dir sofort aus dem Gedächtnis, sondern ein ich schaue kurz nach. Aber es muss eben auch zu 100 % so sein, dass ich nachschauen kann, und ich muss es verstehen.“
„Wenn du immer nur die Vorgaben formulierst,
bis es irgendwann tut, was es soll – dann baut
irgendwann dein Knowledge so ab, dass du auf die KI
vertrauen musst. Du bist dann gar nicht mehr in
der Lage, es zu bewerten oder damit zu arbeiten.“
Torsten Pistor
Top-Entwickler zu haben, die in der Lage sind, jeden Code zu bewerten, Verbesserungen einzustreuen zu justieren, ist für Torsten der entscheidende Punkt. Bei der BRANDAD haben Azubis in der ersten Zeit KI-Verbot. „Sie müssen erst mal lernen, es selbst zu erstellen, bevor sie die Möglichkeiten der KI nutzen, um auch die Qualität bewerten zu können, die da rauskommt. Wenn du immer nur die Vorgaben formulierst, bis es irgendwann tut, was es soll – dann baut irgendwann dein Knowledge so ab, dass du auf die KI vertrauen musst. Du bist dann gar nicht mehr in der Lage, es zu bewerten oder damit zu arbeiten. Dann fliegt dir das Ding irgendwann um die Ohren und du hast keine Ahnung warum.“
„Ich glaube nicht,
dass es erstrebenswert ist,
den Fahrersitz zu verlassen.“
Torsten Pistor
Die KI kann also für Torsten mehr sein als ein Tool, das heißt aber nicht, dass sie auch die Kontrolle übernehmen muss. Im Gegenteil, es wäre „aus Sicht der Menschheit ziemlich dumm, sich aus dem Fahrersitz zurückzuziehen“. In der Zusammenarbeit mit Menschen gibt es ja auch „Quality-Gates, an denen keiner vorbeikommt – da sagt man auch zu seinen Leuten, so sehr ich euch schätze, aber am Ende des Tages bin ich dafür verantwortlich, ich mache meine Unterschrift drunter“. Torsten vertritt die Ansicht, dass Entscheidungen bei den Menschen bleiben sollten, zu denen sie gehören. Aber er würde das nie mit KIs machen. „Selbst wenn sie sehr nah dran sind an dem, was Menschen leisten können, ich würde ihnen keine Entscheidungsgewalt geben – Entscheidungsvorbereitung ist was Schönes, du kriegst schnell Informationen – aber alles unter Qualitätssicherungsmaßnahmen.“